Tagesklinik - So viele Gefühle 

 

18.05.2026 07:36 Uhr 

 

Haftbefehl auf den Ohren - Straßenpoesie, wie der Feuilleton sagen würde - Gute Musik, wie ich sagen würde. Leicht erhöhter Puls, verengter Brustkorb, leichtes Kribbeln im Kopf. “Ich bin high und ich rolle tief.” Eine Nachricht heute früh hat mich mal wieder mit der Frage konfrontiert, über was ich hier alles schreiben will und muss, aber das Leben der anderen sollte da nicht dazu gehören. Meine Sorgen kann ich hier teilen, aber andere dürfen und müssen sich ihre eigene Bühne nehmen.

“Hör auf die, hör auf die Stimme in dir; hör auf die Stimme in dir; hör auf die Stimme und nicht auf die in dei'm Kopf.”

 

10:05 Uhr

Die Rolle als Patientinnensprecherin macht die Visite irgendwie angenehmer, es gibt mir was zu tun und vor Leuten reden, das kann ich. Ich würde gerne etwas mehr reflektieren, aber zunächst steht jetzt erstmal Gestalten an.

 

11:06 Uhr

So. Endlich. Was spüre ich? Ein leichtes Ziehen zwischen Magen und Brustkorb. Es überspringt den Brustkorb und breitet sich dann aus in die Schultern, Handgelenke und unter das Kinn. Töpfern hat wieder Spaß gemacht. Ich mache ein Haus am See - mit Fuchs und Pilz. Die Therapeutin dort war irritiert, dass ich in der Grundschule Noten auf Töpfern bekommen habe. Irgendwie ist es auch komisch. Ich hatte damals immer so viel Spaß und so viele Ideen, aber das hat nie gezählt, wenn ein “ausreichend” mir gesagt hatte, dass ich das eigentlich gar nicht so gut kann.

Jetzt finde ich es einfach wieder schön und habe Ideen.

 

12:30 Uhr

Ich habe Schreiben und Lesen für mein Befinden etwas vernachlässigt und mich stattdessen mit einem stupiden Handyspiel abgelenkt. Die Konsequenz war, dass ich das Spiel deinstalliert habe und mich jetzt wieder frage, was ich fühle. Ein leichtes Ziehen überall in den Beinen. Druck unter dem Kiefer. Verengter Brustkorb. Spürbarer Puls. Leichtes Drücken in der linken Hirnhälfte. Ich habe Angst. Weiß nicht, vor was. Leichter Schwindel und ein ungutes Gefühl. 

Schuldgefühle? Es war doch nur ein halber Tag. Ein bisschen vermeidendes Verhalten ist doch auch mal okay. Alles zieht so in mir, zieht an mir. Ich bin ein bisschen weniger unsichtbar seit der Visite. Werde ich verfolgt? Beobachtet? Wie schwer können Taten wiegen, wenn der Bedarf zum Handeln von außen an mich herangetragen wurde?

Ich sollte erstmal Essen. 

 

12:44 Uhr 

Ich habe keinen Hunger.

12:58 Uhr

Das Essen fließt langsam meinen Hals hinunter, während mein Magen ein Gefühl von Enge ausstrahlt.

Löffel um Löffel, Biss um Biss ignoriere ich meine Gefühle, bis mein Magen voll ist und bis mein Teller leer ist.

 

14:44 Uhr

Ich habe Angst gemalt. 

Eine Angst, die ich nicht greifen kann, 

deren Ursprung ich nicht kenne. 

Irgendwie hat mich das erleichtert. 

Vielleicht ist es der Weg, den ich gehen muss. Gefühle erkennen, benennen und ausdrücken, um mich von ihnen auch wieder lösen zu können. In meinem Körper verspüre ich zwar wieder Ähnliches, aber bin ein bisschen zu erschöpft, um dem jetzt nochmal auf den Grund zu gehen. 

 

19.05.2026 08:05 Uhr

Was fühle ich? Die Wärme der Sonne, leichtes Kribbeln in den Schlüsselbeinen. Dezentes Ziehen in der Brust. Ich bin entspannt - aber ich bin auch noch nicht in der Klinik. 

 

08:49 Uhr

Müdigkeit spüre ich im Hinterkopf, auf den Augenlidern und manchmal an den Schläfen. Warmen Tee im Magen und ein leichtes Ziehen darüber. Es fühlt sich an, als würde es mir wieder schwerer fallen, die Gefühle zu finden, vielleicht ist das ein Selbstschutz. Verspannungen im Nacken, ein Gefühl von Säure im Magen. Meine dominanten Gefühle scheinen Stress und Müdigkeit zu bleiben. Irgendwas ist da drunter, verborgen unter den tauben Gefühlen. Angst oder Trauer? Es brennt und kribbelt durch meinen Torso, wenn ich reflektiere und abwarte, kommt es hoch, aber die Zeit ist schon wieder knapp, Interaktion steht an.

 

12:00 Uhr

Auf Freude folgt Frust. Interaktion, Psychoedukation, Mandala, ich konnte mich auf nichts davon wirklich einlassen. Ersteres war dabei sehr witzig und ich hatte mich auf den Humor in der Aufgabe fokussiert. Zweiteres hingegen, das war schlimm: To-Do’s, Verpflichtungen und Tagesstruktur. Dinge, die ich aus tiefstem Herzen hasse, verabscheue. Damit bin ich offen umgegangen und vielleicht hat es mir das leichter gemacht, vielleicht schafft es Gesprächsstoff für die Einzeltherapie, aber warum sind diese Gefühle überhaupt so stark hochgekocht? Ich wollte gehen, mir das nicht anhören, sagen, dass ich echt gut ohne klarkomme. 

Warum? Es ist doch okay. Es ist doch nicht so wichtig. Aber die Gefühle sind da. Sie sind da und sie fordern ihren Platz am Tisch.

 

14:28 Uhr

Als Freizeitgruppe sitzen wir heute im Park. Kann ich wohl auch einfach nutzen, um meine Gefühle zu reflektieren.

Drücken unter den Augenbrauen, Spannungen am Kehlkopf, Ziehen in den Schultern und im Unterleib, vorhin wollte ich mal weinen, aber ging dann doch nicht, ist allgemein schwer seit Antidepressiva. Ein Nebel, der Höhen und Tiefen immer wieder wegdrückt. Stress, Müdigkeit und Angst, damit fühlt sich diese Droge wohl. Vielleicht fällt es mit ihr doch nicht so leicht, durch den Nebel zu dringen. Auch wenn ich auf meinen Körper höre, scheint da oft nicht viel klar zu sein. Ich hatte eine kurze Periode zwischen Start mit Hormonen und Start mit Antidepressiva, da waren Gefühle da, so viele Gefühle, aber die hatten mich gelähmt, die hatten mich überfordert und die hatten mich auf die Akutstation gebracht. Deshalb habe ich mit Antidepressiva angefangen. Jetzt soll ich wieder Zugang zu Gefühlen finden. Das ist komisch irgendwie.

Angst und Überforderung.

Stress und Müdigkeit.

Manchmal Freude, manchmal Wut.

Womit kann ich arbeiten?

Was ist hinter dem Nebel?

Als wir über einen Tagesplan geredet haben, meinte ich, ich bräuchte dafür eine geschlossene Klinik. Ich habe so viele Übergangslösungen, Umgangsmethoden und Kompromisse gefunden, um mit der Krankheit umzugehen. Wenn ich aber nach Lösungen, Konfrontationen und Gesundheit suche, kommt immer der gleiche Gedanke hoch: “Wenn das wirklich die Erwartungen sind und ich diese erfüllen muss, kann ich auch immer noch den Freitod wählen."

Mach ich Fortschritte oder trete ich auf der Stelle. 

Was sag ich am Freitag im Einzelgespräch?

“Ich will das alles nicht mehr?”

“Es hat keinen Sinn.”

Nein.

Ich habe noch Zeit!

Ich habe mich die letzten Male so verstanden von ihr gefühlt. 

Ich muss nur ehrlich mit ihr sein und alles Weitere wird sich ergeben…

 

15:25 Uhr

Hübsche ich meine Texte zu sehr auf, sodass sie mehr zu guten Texten anstelle von ehrlichen Reflektionen werden?

Ein guter Text lässt solche Fragen unbeantwortet.

 

20.05.2026 10:10 Uhr

Da sind eigentlich nur Wut und Hass. Ich verstehe, woher sie kommen, nur nicht, was ich jetzt damit anfangen soll. 

 

12:01 Uhr

Ich hatte ein Einzelgespräch, früher als geplant, mit einer anderen Therapeutin, aber es war nötig und hat gutgetan. Ich habe mich wohl vorerst mit meinen eigenen Gefühlen überfordert und mit meinen eigenen Gefühlen übernommen. 

Wir sind der Frage auf den Grund gegangen, ob ich mich wirklich in diesem Bereich jetzt so herausfordern will, muss und kann. Die Klinik ist da, um eigene Gefühle zu konfrontieren und in Gruppen zu besprechen. Ich muss das nicht tun, es muss nicht notwendig sein. Ich will es tun. Für mich gibt es einfach zu viel, was ich über mich noch nicht weiß, das ich noch nicht verstehe, um das nicht zu tun, und angesichts meiner Krankheit ist meine aktuelle Situation auch so stabil, wie sie es nur sein kann.

Also geht die Reise weiter, aber vorerst mal etwas langsamer als es die letzten Tage der Fall war.

 

14:35 Uhr

Gruppengespräch. Nachdem ich meine Gefühle im Einzelgespräch eingeordnet hatte, habe ich jetzt versucht, das Besprochene auf ein Gruppengespräch anzuwenden. Darum soll es hier ja gehen. Ich habe mein Problem in die Gruppe getragen und es dort zu besprechen versucht. Im Gruppengespräch sind vor allem die neueren Patientin*en. Sie teilen meine Probleme. Teils lagen sie noch nicht im Fokus und sie sind diese auch noch nicht angegangen, aber sie teilen sie.

Ich empfinde das irgendwie als Fortschritt

 

21.05.2026 10:09 Uhr

Kommunikative Bewegung war gut. Bin halt Theaterkind. Was mich aber echt positiv überrascht hat, war, dass einige Menschen mir jetzt schon deutlich mehr Vertrauen entgegengebracht haben als ich gedacht hätte. 

 

11:20 Uhr 

Ich fange mehr an, mich auch in der Freizeit mit Patient*innen zu unterhalten. Dann schreibe ich weniger, bekomme aber auch mehr Input von außen. 

 

12:24 Uhr

Einmal will ich mir dann heute aber doch die Zeit nehmen.  Was spüre ich? Heute wieder öfters in den Mundwinkeln ein leichtes Ziehen nach oben, eine kribbelnde Wärme. Ein Ziehen in den Armen und Schultern. Kommunikative Bewegung war körperlich fordernd, doch ich fühle mich ausgelassen, glücklich irgendwie. Die Bewegung, das Reflektieren darüber und die Gespräche waren schön. Alles hat gut getan. Ein Gefühl von Erfolg. Das alles hallt noch nach in mir. Es war gut, diese Momente einfach zu genießen, denn ich merke schon, dass das textliche Reflektieren auch anstrengend sein kann.

 

16:18 Uhr

Der Abschluss des Tages war doch nochmal heftig. Skill-Gruppe. Wie regulieren wir Krisensituationen? Woran erkennen wir Krisensituationen? Bei mir hat das viel hochgeholt! Reflektieren kann negative Gefühle auch verstärken. Ich sprach den Gedanken an und er wurde mir bestätigt. Das ist der Grund, aus dem ich mich bestätigt fühle in meiner Intuition, dass viele andere auch so massiv belastet wurden. Leider hat die Zeit für ein Nachgespräch gefehlt, sodass ich dann ein bisschen mit einem schlechten Gewissen den heutigen Tag beenden musste. Schlechtes Gewissen, weil meine Beiträge zur Belastung der anderen beigetragen haben könnten. Aber das ist okay, das nehme ich jetzt einfach hin und das akzeptiere ich.

Nach der Klinik habe ich mich noch kurz mit einer Patientin unterhalten, das war wieder schön. Ich glaube, das hat mir geholfen, meine Gefühle anzunehmen und zu akzeptieren. Wir mussten nicht mal über die Skill-Gruppe reden.

 

22.05.2026 12:04

Das Einzelgespräch heute musste krankheitsbedingt ausfallen, dafür hatte ich mich länger mit einer anderen Patientin unterhalten. 

Heute ist ein ruhiger Tag, ein langsamer Tag, langsam lasse ich diese intensive Woche ausklingen:)